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hamlet_X -Volksbühne Berlin

hamlet_X chat


Idee und Konzept: Dominik Rinnhofer/Herbert Fritsch
Gestaltung und Programmierung: Dominik Rinnhofer

Am 21.Juni 2003 gab es auf 3sat einen Hamlet-Abend,
Beginn 20.15 mit Laurence Olivier`s Verfilmung des Theaterstücks Herbert Fritsch und Jürgen Kuttner übernehmen ab 22.45 das Programm,
bis 1:15 Uhr gibt es hamlet_X Filme, den Chat und eine Mittsommernachtsparty aus dem Prater in Berlin zu sehen.

hamlet_X chat
Im hamlet_X chat können Sie sich eine Figur aus Hamlet auswählen und dann mit dem Wortschatz dieser Figur chatten.
Wenn Sie ein Wort eingeben, wird dieses Wort mit dem Wortschatz der von Ihnen gewählten Figur verglichen. Stimmt das von Ihnen eingegebene Wort mit einem Wort aus dem Wortschatz Ihrer Figur überein, können Sie es absenden.

Der hamlet_X chat ist Teil des hamlet_X Projekts von Herbert Fritsch und wurde von Dominik Rinnhofer in Zusammenarbeit mit Herbert Fritsch, der Volksbühne und der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe entwickelt.

hamlet_X

Ein Film- Theaterprojekt als Internetausstellung
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Eine Beschreibung von Herbert Fritsch

hamlet_x, ein großes elektronisches Internet Mosaik, ein Labyrinth aus Szenen, Gesprächsreflexen, Interviews, Portraits von Menschen die sich im Umkreis Hamlets befinden und ein Teil seiner Geschichte werden wollen. Es werden Requisiten gesammelt und Animationen entwickelt. Hamlet wird in unterschiedlichsten Formen in unsere Zeit geholt und zu einer Geschichte unserer Zeit gemacht. Hamlet als Modenschau, Hamlet als Werbefilm, als Schnulze oder als Krimi oder einfach als ein zu verkaufendes Produkt.

Der Hamlet von Shakespeare, eine wilde Fantasie, die sich in verschiedenen nördlichen Kulturkreisen zusammenbraute. Die von Mund zu Mund weitergegeben wurde und immer wieder neue Bilder und Wendungen fand. Eine Legende, ein Mythos, der danach verlangt weitergesponnen zu werden. Ein Mythos der sich nicht mit ein paar wenigen Interpretationen zufrieden geben kann. Hamlet sammelt sich bei Shakespeare, als zivilisierter Mythos und nach Jahrhunderte langer Verfestigung, Versteinerung durch falsch verstandene Werktreue und bigotte Exegese, will er wieder auseinander gerissen, in einzelne Teile zerteilt und durch verschiedene, viele Münder gesprochen werden. Da bieten sich die modernen Netze an.
Der Hamlet-Text in 111 Teile zerteilt. Jedes dieser Teile soll seine eigene Auslegung erfahren und jedes dieser Teile entwickelt nochmals unterschiedlichste Referenzen. Auf diese Weise entstehen verschiedene 111er Ebenen. Die erste Ebene, die Grundebene, besteht aus den Szenen des Hamletstücks, die als Filme realisiert werden. Jede Szene ist unabhängig von den Anderen und in keiner dieser Szenen kommt ein Schauspieler ein zweites Mal vor. Sie sollen in möglichst unterschiedlichen Stilen und Genres gedreht werden und von unterschiedlichen Regisseuren.Es geht um die Vernetzung unterschiedlichster Talente zu einem Thema.
Eine weitere Ebene sind die so genannten Portraits oder Interviews von Menschen aus dem Umkreis Hamlets und dessen Geschichte, die einfach behauptet werden. Das kann der Frauenarzt von Gertrud, der Pförtner des Schlosses, der Vermögensberater von Claudius oder der Fechtmeister von Hamlet sein. Hier kann man sich hemmungslos durch die Zeiten bewegen und den Unterschied von gestern und heute getrost vergessen, hier kann die Geschichte ganz anders und völlig frei gesponnen werden. Auch hier handelt es sich um 111 Teile.

Es können immer mehr Ebenen hinzukommen. 111 Spiele, Animationen oder 3D Requisiten zum betrachten. All das wird verstrickt durch 111 Möglichkeiten der Navigation in diesen Inhalten. Im Internet sollte man sich nicht auf eine Lexikalische, feststehende, auf den ersten Blick überschaubare Website beschränken. Die Navigation soll gewissermaßen selbst zur Geschichte werden und die Neugier der Menschen und die Lust auf die Geschichte und die Künstler, die sie erzählen anfachen. Gleichzeitig soll im Internet eine Kommunikationsplattform geschaffen werden, auf der die Freude an dem Stoff weiter getrieben wird. Institutionen und Privatleute sollen dann auf verschiedenste Art und Weise das Thema verhandeln können. In Foren, Chats und für alle sichtbare Live Video Konferenzen.
All diese Ebenen und Teile können dann in einer Internet Ausstellung wie auch in einem medialen Theater vielfach präsentiert werden. Es entsteht eine Hamletpyramide ein Hamletlabyrinth oder ein großes Hamletgrabmal. Man kann da hindurch spazieren und sich darinnen verlieren. Jede Möglichkeit ein Ende oder Ausgang aus der Geschichte zu finden sollte vermieden werden. (Herbert Fritsch 2002)
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eine Beschreibung von Dominik Rinnhofer

Herbert Fritsch geht davon aus, dass das Thema Hamlet weit über den Text „Hamlet“ von W. Shakespeare hinausreicht und deshalb einer Reinterpretation bedarf. Einer medialen Reinterpretation. Durch Wechseln des Erzählmediums versucht hamlet_X neue Ergebnisse im Rezipienten hervorzurufen. Für das Theater bislang unübliche Medien sollen durch veränderte Erzählformen zu neuen Produkten führen.

Theater war lange Zeit ein lineares Medium. Es gab einen dramaturgischen Bogen, der den Theaterabend gestaltete, irgendwo in der Mitte eine Pause und dann der zweite Teil. Showdown gegen Ende und Ausklang.

Das Theater ist aber auch ein Ort, an dem neue Erzählstrukturen erprobt wurden und werden. Tagesaktuelle Themen können einfließen, sich ändernde Techniken bringen neue Effekte/Erzählweisen und damit neue Ausdrucksformen. Mit der Weiterentwicklung der Bühnentechnik entstanden neue Möglichkeiten für die szenische Umsetzung.
Das Projekt hamlet_X stammt, mit Herbert Fritsch, vom Theater. Genauer gesagt von der Berliner Volksbühne, an der Herbert Fritsch als Schauspieler tätig ist. Seit einigen Jahren (ca.1998) arbeitet er an dem Projekt, Hamlet auf neue Art zu interpretieren. Dazu ist im fast jedes Mittel recht. Getreu dem Motto „Der Weg ist das Ziel“ wird munter drauflosgebastelt.

Die Webseite, hamlet-X.de, hat mittlerweile mehrere Neueröffnungen hinter sich.

www.hamlet-X.de

Die Webseite dient als Kommunikationsmittel, Dokumentationsplattform und als Bühne. Auf ihr sollen sich die vorhandenen Filme möglichst chaotisch neu strukturieren, Pop und Punk reicht sich hier die Hand. Laut, grell, marktschreierisch um die Gunst des Rezipienten buhlend, sollen die Benutzer die Möglichkeit haben, selbst zu bestimmen was sie zu sehen bekomme. Einige Augenblicke später wird ihnen die Mündigkeit wieder entzogen und ganz etwas anderes vorgesetzt. (siehe Rhizom) Die Filme werden bunt gemischt und immer wieder neu gereiht.

Das WWW, mit seinen Verästelungen und Verbindungen zwischen verschiedenen Inhalten, ist so strukturiert, dass beim Durchtrennen eines Astes das Gesamtgebilde trotzdem erhalten bleibt bzw. zur Regeneration der Struktur in der Lage ist.. Eine solche Struktur schließt in die Definition bereits den Zeitfaktor der Veränderung mit ein, und ist somit beweglich. Ein Rhizom ist erst innerhalb einer Zeitfolge erkennbar. Im Augenblick ist es maximal ein Netzwerk. Das bedeutet auch, dass man die Struktur die man gestern beobachtet hat heute niemandem mehr zeigen kann. (-> Archivierungsproblem)

Verfügt das Rhizom über ein Gedächtnis, beeinflusst jeder Beobachter das Erlebte auch für alle anderen Beobachter, die nach ihm kommen.
Hier besteht potenziell eine Vielzahl verschiedener narrativer Strömungen, die der „User“ selbständig auswählen und weiterverfolgen kann. Bei einer weiteren Benutzung des Systems bieten sich andere, neue Möglichkeiten die Geschichte erzählt zu bekommen. Insofern ist nonlineares Geschichtenerzählen, nur das Anbieten mehrerer Handlungsstränge, die so komplex in einander verwoben sind, dass verschiedene Arten der Rezeption ermöglicht werden. Kompromisse, die bei herkömmlichen theatralischen Dramaturgiestrukturen bereits vor der Premiere getätigt wurden, kann man mit rhizomatischer Narration dem Publikum überlassen. Das ist aber gleichzeitig eine Misstrauenserklärung an die Rolle des Regisseurs. Natürlich mit dem Argument, Paradigmenwechsel würden neue Ideen zu Tage bringen. Doch die Verantwortung für das Endergebnis abzugeben, bedeutet auch sich der Kritik zu entziehen.

Die Struktur des Hypertextes wird bei hamlet_X in eine Art Hypervideo transformiert. Shakespears Text wird in 111 Teile zerschnitten, jeder Teil völlig eigenständig als Videoclip produziert und randomiziert wiedergegeben. Die Erzählstruktur wird zu Gunsten eines expressiven Gesamtausdrucks über den Haufen geworfen. Wer Hamlet noch nicht kennt, wird durch die Vielzahl der Bilder dazu animiert, sich mit dem Text auseinanderzusetzen, alle anderen werden hinter dem bekannten Text eine Vielzahl neuer Sichtweisen entdecken. Die Schwierigkeit dabei ist, entweder alle Dramaturgieentscheidungen und die Verantwortung für die „gute Geschichte“ an das Publikum abzugeben. (Experimenteller Ansatz) Der Künstlerische Ansatz liegt hierbei im Schaffen neuer Formen durch Zufall und Experiment. Der Faktor Zufall wird durch das Publikum ersetzt.
Neben der freien, experimentell zu rezipierenden Struktur des Stückes, gibt es den Weg, das Rhizom so perfekt zu durchdenken, dass die Verantwortung für die Geschichte bei RegisseurIn/ DramaturgIn bleibt. Dazu ist jede mögliche Handlungsweise des „Users“ vorherzusehen und entsprechend zu gestalten.

Der Prozess ähnelt dem der Softwareentwicklung, bei dem jede mögliche Handlung des Benutzers vorhergesehen wird und entsprechend darauf reagiert werden kann und sollte. Bei der Entwicklung von Programmen (Software) spielen viele psychologische Aspekte eine Rolle, die dazu dienen dem User das Gefühl zu vermitteln er „beherrsche“ das Programm. Dazu gehören Feedback und Workflow. Diese beiden Elemente setzen eine Beherrschung der Grundelemente der Interaktionssprache voraus. Die Benutzer müssen bereites in der Lage sein zu erkennen, was man mit der Mouse machen kann, wie eine Schaltfläche aussieht und wie ich ein Popup Menü benutze. Sind diese Grundlagen der Sprache nicht vorhanden, versagt das beste GUI (Graphical User Interface). Auch im Theater muss ich die Grundelemente der Sprache verstehen und beherrschen. Ich muss wissen, dass sterbende Personen auf der Bühne in den seltensten Fällen wirklich tot sind, dass Katastrophen auf der Bühne meist glimpflich enden, das Blut fast nie echt ist. Weiß ich darüber nicht Bescheid, kann meine Reaktion (z.B. in der Absicht Hamlet zu retten und den verworrenen Komplott aufzuklären, auf die Bühne zu springen um für Klarheit zu sorgen und die Streitigkeiten zu schlichten) durchaus den Verlauf der Vorführung stören und dazu führen, dass das Stück für mich „nicht funktioniert“. Ein solches Verhalten kann oft bei ungelernten Usern am Rechner beobachtet werden. Nachdem eine Aktion nach mehrmaligem Probieren nicht funktioniert, vergeht die Lust am Medium.
Allerdings kann man mit Fortschreiten der Technologisierung unserer Gesellschaft, immer mehr Menschen zutrauen mit den Grundelementen der Maschinenbedienung vertraut zu sein.
Neue Verständigungsmöglichkeiten entstehen, neue Denkstrukturen eröffnen sich. (Netzwerk statt Fliesstext) Wenn zwei Personen vor einer geschlossenen Tür stehen, und die eine zur anderen sagt: „mach mal strg-o“, kann man davon ausgehen, dass es sich um Nerds handelt, trotzdem verstehen immer mehr Menschen was gemeint ist. Es entsteht eine Sprache, die vielen Menschen zugänglich ist. Aus diesem Grunde ist es nur logisch, wenn Elemente diese Kultur Einzug in andere Kulturbereiche, zum Beispiel in Literatur und Theater, nehmen.

Die 111 Videoszenen, die, jede für sich, als kleine Filme funktionieren, bilden das hamlet_X Alphabet. Aus ihnen werden, teilweise durch gezielte Auswahl der User, aber auch durch Computerzufall ausgewählte Clips hintereinander gereiht. Die Geschichte erzählt sich infinit immer und immer wieder neu. Neben dem Zufall, der eine tragende Rolle in der Arbeitsweise von hamlet_X spielt, übernimmt das Experiment eine wichtige Aufgabe.

Das Experiment
Das Experiment ist ein ursprüngliches, primitivstes Verhaltensmuster des Menschen. Das Experiment ist eine grundsätzliche Eigenschaft eines intelligenten Wesens.
Das Experiment durch das der Mensch zum Menschen wird. Alles was möglich ist muss ausprobiert werden. Vor ca. 1.600.000 Jahren hatte sich der Mensch das Feuer zunutzte gemacht und begonnen seine Nahrung zu braten. Dies führte nach und nach zur Domestikation der Nomaden. Seither ist die Entwicklung des Menschen immer an das Experiment gebunden.
These – Experiment – Verifizierung/Falsifizierung – neue These –neues Experiment etc.

Darum ist die Frage nach der Sinnhaftigkeit im Moment des Entstehens nicht zu stellen. Der Prozess wird zeigen, welche Strukturen, die neu entwickelt wurden, sich längerfristig weiterentwickeln und somit irgendwann zur Grundlage des Aktuellen mutieren. hamlet_X ist das permanente Experiment, stetiges Brainstorming dem ein manischer Arbeitsprozess aller Beteiligten folgt. Material, Material, mehr, mehr, mehr. Hamlet will leben. Der Produktionsprozess an sich ist Theater.
Es findet überall da statt, wo Beteiligte des Projektes sich treffen. Sei es in der Straßenbahn, in der Hochschule, im Cafehaus oder sonst wo. Ständig entwickelt sich hamlet_X weiter, mutiert und erweitert ständig sein Spektrum. Der nimmersatte Zampano Herbert Fritsch ist immer auf der Suche nach Bereichen die sich integrieren lassen.
Die hamlet_X Filme: 111 Filmsplitter nach dem in ebenso viele Teile zerteilten Hamlet Text. Mit verschiedenen Schauspielern werden Szenen aus Hamlet an absurden Schauplätzen gedreht. (Tenniscourt, Küchen etc.) Meistens wird in „low tech“ gedreht. Eine DV-Kamera, ein Tonmann. Durch die Entwicklung von 3-Chip Consumer-Kameras ist bereits das semiprofessionelle Equipment durchaus ausreichend um ausreichende Qualität zu liefern. Auch das ist ein wichtiger Teil des Projektes. Der Traum alles, vom Filmen über Schnitt bis zur Präsentation, selber machen zu können. Die Wundermaschine macht es möglich. Aus diesem Grund ist hamlet_X so stark mit dem Computer verwoben. Computer sind nicht nur das Medium, sie ermöglichen das Projekt in dieser Form überhaupt. Besser noch, ohne Computer wäre diese Art von Hamlet-Interpretation überhaupt nicht denk-/vorstellbar.

1) Die hamlet_X Nebendarsteller:
Filme in denen der Koch aus Helsingör zur Sprache kommt, der Pförtner um seine Meinung zum Machtwechsel gebeten wird. Figuren, die nicht von Shakespeare explizit beschrieben wurden, aber dennoch existent sein müssen, damit der höfische Alltag funktionieren kann. Damit wird die Funktionalität des Urtextes aufgezeigt, wie ein Schaltplan zu einer Maschine steuert hamlet_X die fehlenden Bauteile des Originaltextes bei.. Der „negative“ Hamlet wird geschrieben. Das reale „Zwischen-den-Zeilen“ von Shakespears Hamlet wird generiert. (Vergleichbar mit M.C. Eschers Bildern z.B.. "Sky and Water I") Durch das Zeichnen der Negativen Formen, tritt die Shakespearsche Erzählung in ein neues Licht. Das Hinzufügen von Charakteren verfeinert die Originalstory, erhöht die Auflösung. Eine Art Backgroundstory, das „Making of“ oder ein Hintergrundbericht zu Hamlet entsteht. Dieses Vorgehen reiht sich in gewohnte TV-Hintergrundberichterstattung ein. Boulevardjournalismus aus dem Hause Dänemarks.

2) Der Chat:
Aus der Schlegel-Tieck-Übersetzung wird der Wortschatz für alle beteiligten Figuren extrahiert. So entsteht ein Baukasten von Wörtern, mit denen sich, theoretisch, Hamlets Geschichte erzählen ließe. Wer den Chatroom betritt, wird aufgefordert eine Figur auszuwählen. Jeder Figur ist der Wortschatz zugewiesen und es ist den Chattern nur möglich diesen Wortschatz zu benutzen. Andere Wörter werden nicht akzeptiert.
Alle Teilnehmer werden dadurch zu „Schauspielern“ bzw. Dichtern und generieren völlig neue Versionen des Textes. Durch die altertümlich anmutenden Worte, verfallen die „Mitspieler“ automatisch in eine Art „höfischen“ Sprachstil.
Die analytische Betrachtung des Textes, seine Zerlegung in „Objekte“ (Worte) und seine synthetische Reorganisation findet sein Pendant in objektorientierten Programmiersprachen wie C++ oder Java. Auch die Systematik von Visuellen Programmierumgebungen (MAx/MSP, VisualBasic etc.) sind in der selben Art und Weise gestaltet und erinnern alle an Kinderspielzeug wie Lego oder Matador.
Diese Art der Betrachtung entspringt unserer Wissenschaftsgesellschaft. Die Methodik des Zerlegens und die Behauptung, die einzelnen Teile wären ein vollständiger Bausatz des existierenden, lässt sich anhand des Beispiels hamlet_X chat leicht widerlegen. Es steht der ganze Wortschatz aus Hamlet zur Verfügung, trotzdem ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich im Laufe des Chats auch nur drei Zeilen des originalen Hamlettexts bilden, denkbar gering. (Isomorph zu Gencode aus einigen Eiweißketten)

Die Frage ist, ob Hamlet in der Lage wäre, sich in einem Chat verständlich auszudrücken.

3) Die hamlet_X live Aufführung:
(Bezugnehmend auf die Vorführung im Prater 2002) Der Raum dient als Projektionsfläche für die oben genannten Filme. Das Publikum bewegt sich frei im Raum, der Abend spielt einfach ab. Kommen und gehen ist möglich. Im Raum, zwischen dem Publikum, zwischen den Leinwänden, zwischen den Monitoren, bewegt sich ein Musiker, als würde er stehend Klavier spielen. Der verrückte, verwirrte Hamlet, spielt Luftklavier und kann selber jeden Ton vernehmen. Selbstgespräche mit einem Klavier führend, steht er da. Doch nicht nur er hört die Musik. Die Musik die durch seine Bewegungen ausgelöst wird, ist im ganzen Raum zu hören. Ophelia kriecht eng an den Boden gepresst zwischen den Beinen der Besucher umher. Das ganze Bild, ein flimmerndes Hamlet Irrenhaus, es fällt schwer den Blick an einem Punkt zu konzentrieren, von allen Seiten stürmen Hamlet und die Seinen auf einen ein und schreien „Ich, ich, ich“ Hamlet lebt.

4) Die Hamlet „Was alles noch kommen mag“:
CD, DVD, Zeitschrift, T-Shirts, Baseballcaps, Brillenreinigungstücher, Regenschirme etc. etc. Einen Planeten müsste man noch nach ihm benennen. Und dann: „Bitte einmal Hamlet und zurück!“ Ähnlich James Joyces „Finnigans Wake“, bei dem vom Leser, zum Verständnis aller Metaebenen ein ungeheures Mass an Allgemein- und Spezialbildung vorausgesetzt wird, setzt hamlet_X Grundlagenkenntnisse in Programmiersprachen voraus, wenn „2b || != 2b =?“ postuliert wird. Die „Coolness“ der Hackersprache wird von Herbert Fritsch hier eingesetzt, um sich selber als „Nerd“, als „Insider“ zu klassifizieren. Im Theaterkontext erlangt hamlet_X damit den Status eines Projektes, dass man zwar nicht so genau versteht, das aber nicht zu Letzt durch das Charisma und die Besessenheit Herbert Fritschs seine Berechtigung erhält.
Dieses „nicht-so-genau-verstehen“ ist wertvolles Kapital, der „Des Kaisers neue Kleider“ - Effekt tritt ein.
Durch Abstraktion und Transformation in andere Bereiche (Paradigmenwechsel) ermöglicht hamlet_X völlig frei über Hamlet nachzudenken. Alles ist möglich, jede Idee, jeder Gedanke erlaubt. Der Kampf gegen Konventionen- ein sehr „hamletsches“ Thema.

Chat/interaktion
stage, bühne auf der sich das geschehen abspielt. Jeder wählt eine figur, die Geschichte spielt sich auf textebene ab. Keine Schauspieler oder Avatare mögliche mischformen Bildsprache in den FilmenWenn im Western die zusammengekniffenen Augen Clint Eastwoods Leinwandfüllend projiziert werden, bekommen wir einen Platz zugewiesen, den wir in der Realität niemals einnehmen könnten. Vermutlich wäre es äußerst ungesund, sich während eines Duells, zehn Zentimeter vor dem Gesicht des Revolverhelden zu platzieren. Wenige Sekunden später sitzen wir auf dem Dach des Saloons oder zehn Zentimeter vor dem Gesicht Lee Van Cleefs.
Worauf ein kurzes Zwischenspiel folgt, in dem wir frühere Begegnungen der beiden Todesmutigen erzählt bekommen. („The Good, the Bad and the Ugly“ 1966)
Der Rezipient ändert ständig seinen Standort, bewegt sich zwischen nah und fern, zwischen beteiligt und beobachtend hin und her. Raum und Zeit werden von der linearen Chronologie abgekoppelt und nach dramaturgischen Massstäben neu gestaltet. Wenn in hamlet_X (Tapete) Laertes spricht, wechselt im Hintergrund Ophelia von der Totale zu Nah und zurück, während wir im Vordergrund immer eine Groß auf Laertes Kopf sehen. Es wird also in einem Bild, scheinbar ohne Schnitte zwischen Clint Eastwood, dem Revolver, Van Cleef und der Salontür gewechselt. Alle Einstellungen werden zu einem Bild verdichtet und erreichen damit eine Konzentration des Wahnsinns, des Absurden wie sie in Hollywood so nicht möglich wäre. Dabei rückt der gesprochene Text weit in den Hintergrund. Allein die agierenden Figuren, ihre seltsamen Aktionen und die dichte Aneinanderreihung durch den Schnitt, erzeugen die Stimmung des Clips. Das gesamte Bild, dient einzig und allein der Aussage: „Ophelia dreht durch, Laertes macht sich Sorgen um sie“ Dabei kommt dieser Clip (Tapete) ohne Musik aus. Ja die Stille, die zwischen den undeutlich genuschelten Worten Laertes’, immer wieder entsteht, erzeugt zusätzliche Spannung. Expressionismus des Films.

Auch in anderen hamlet_X Elementen dient die andauernde „Nicht-Aktion“ als wirkungsvoller Counterpart zu den extrem dichten, überladenen Stellen. (Kampf Laertes gegen Hamlet in der Tennishalle)

Alles ist gleichzeitig, alles ist jetzt. Und das innerhalb eines Bildes.
hamlet_X nimmt Shakespeare auf und generiert, überwältigt von den technischen Möglichkeiten, wie im Rausch, ständig neue Bilder. Die Respektlosigkeit vor dem Medium ermöglicht Herbert Fritsch Wege zu gehen, die sich anderen nicht eröffnen.

Feedback
Unter Feedback versteht man ein Signal, das dem Benutzer anzeigt, dass eine sinnvolle Handlung ausgeführt wurde, bzw. dass eine bestimmte Handlung nicht sinnvoll war. Kommunikation kann nur stattfinden, wenn es zu einem befriedigenden Ergebniss auf beiden Seiten (Sender und Empfänger) kommt.

In vertikal hirarchischen Systemen kann keine Kommunikation stattfinden, da der Empfänger dem Sender nur mitteilt ob er Daten empfangen hat, nicht aber ob diese für ihn sinnvoll verwendbar sind.
Horizontale hirarchische Systeme hingegen lassen den Datenaustausch in alle Richtungen zu. Verschiedene Feedbacks erzeugen eine differenziertere Interpretation der Nachricht.

Netzwerk satt Fliesstext
Unser Gedankenfluss entsteht aus Assoziationen. In herkömmlichen Fliesstexten besteht die Möglichkeit der Refferenzierung nach zwei Orten. Der Ort im Text vor der bezeichneten Stelle und der Ort nach der im Text bezeichneten Stelle. Jede weitere Refferenzierung, zum Beispiel durch "siehe unten" oder "siehe Kapitel 15" ist bereits Hypertext.

Habe ich nur zwei Refferenzierungsmöglichkeiten, muss ich mich aus einer Fülle von möglichen Assoziationen zu einem bestimmten Thema für Zwei (2) entscheiden, die ich dann entweder vor den Text setze (Einleitung) oder anschliessend positioniere (Weiterführung etc.) Durch diese Arbeitsweise konstruiere ich eine Struktur, die diese beiden Assoziationen allen anderen vorzieht und somit extrem selektiv den Spielraum für freieres Weiterdenken einschränkt. In Netzwerkstrukturen hingegen habe ich die Möglichkeit mehrere, natürlich ebenfalls selektierte, Assoziationen gleichwertig zu positionieren. Zudem bleibt mir die Möglichkeit der Einleitung so wie der Weiterführung erhalten.
Ich denke, dass das "Schubladen-Denken", die strenge 3 Gliederung des Fliesstextes (Vorher, Jetzt, Nachher), nicht unseren Assoziationsfähigkeiten entspricht. Vielmehr bin ich der Meinung, dass die weiche (fuzzy) Konstruktion von Hypertext, gekoppelt mit einem weichen dramaturgischen Faden, ein weitaus grösseres Informationspotential erschliesst.